Die Sternschnuppen-Opfer-Tour 2006 oder "Im Harz wird wieder Holz gehackt"

...und so begab es sich, dass die Mädels des Kegelclubs "die Sternschnuppen" eine Kegeltour auf die Insel Norderney planten. Die armen Männer der Kegeldamen sollten zu Hause vereinsamt ihr karges Leben fristen, unversorgt, ohne ordentliche Nahrung und ohne die gewohnte liebevolle Betreuung der Zugemuteten. Doch Thommy, Dirk und Micha heckten einen Plan aus, wie sie diese schweren Tage so angenehm wie nur irgendwie möglich überstehen würden. Und so wurde die Idee zur Sternschnuppen-Opfer-Tour geboren.

Da es sich bei Thommy, Dirk und Michael allerdings um die besten Ehemänner von allen handelt, verabschiedeten sie ihre lieben Frauen noch morgens auf dem Essener Hauptbahnhof. Und zu diesem Anlass war man natürlich passend gekleidet. Die Jungs hatten weder Kosten noch Mühen gescheut und hatten eigenhändig gestaltete T-Shirts angezogen.

Nachdem der Zug den Bahnhof verlassen hatte, stiegen die drei einsamen Jungs mit einer Träne im Knopfloch auf ihre Mopeds. Schon auf der A 40 musste Thommy auf Reserve schalten. Bis tief in die Nacht hatte er an seiner VT 500 geschraubt und zum Tanken hatte es daher nicht mehr gereicht. Und am Morgen des Abreisetags hatte er noch den Haushalt in Ordnung gebracht, weswegen er auch nicht so ganz pünktlich am vereinbarten Treffpunkt war. So war die erste Dortmunder Tankstelle unsere. Weiter ging es auf die A 44 auf der wir dann irgendwann auf einer Raststätte eine kurze Pause einlegten. Mit einer guten Tasse Kaffee und einer Nussecke konnten wir den Abschiedsschmerz ein wenig lindern und selbst Dirk konnte sich an diesem Morgen zu einem ersten kurzem Lächeln zwingen.

Kurz hinter Warburg tauschten wir die Autobahntrasse gegen die Landstraße ein. Durch abwechslungsreiche und teils recht kurvige Landschaften ging es schnell unserem Ziel entgegen. Unsere nächste Rast legten wir in Uslar ein. Wie gesagt, unsere Frauen hatten uns völlig unversorgt zurück gelassen. Noch nichtmals Stullen hatten sie uns geschmiert. Durch eine glückliche Fügung entdeckten wir in der Innenstadt von Uslar eine Döner-Bude, in der wir eine köstliche Gammelfleisch-Tasche verspeisten. Ich glaube die Stadt Uslar hat in ihrer 1000-jährigen Geschichte nur selten solch ausgehungerte Reisende erlebt.

So gestärkt konnten wir unsere Fahrt fortsetzen. Und je näher wir unserem Ziel kamen, umso vielversprechender wurde die Strecke. Es gab schon ein paar echt gute Kurvenkombinationen. Unser Scout Thommy führte uns gewohnt zielsicher zu unserem Ziel, dem Touren-Fahrer Partner-Haus Pension Roseneck in Bad Lauterberg im Harz. So um die 300 Kilometer hatten wir an diesem Tag auf dem Bock verbracht. Und der schmerzende Hintern lenkte uns dann einigermaßen vom Verlust unserer lieben Frauen ab.

    Bei Gregory und Jaquie, die die Pension Roseneck führen,  wurden wir liebevoll aufgenommen. Sie gaben sich in den nächsten vier Tagen jede erdenkliche Mühe, uns über unseren Abschiedsschmerz hinwegzuhelfen. Dirk und ich suchten dann gleich am Nachmittag in einer Straßenkneipe weiteren Trost im Alkohol. Und die zwei Bier in der prallen Sonne betäubten uns dann auch ganz gut. Wäre da nicht diese Kirchturmglocke gleich nebenan gewesen, die uns im 15-Minutentakt aus unserem Dämmerschlaf gerissen hat, wir wären glatt mitten auf der Dorfstraße eingeknackt. Und dann gab es da noch so merkwürdige Angewohnheiten der Ureinwohner, die uns ziemlich schockierten. Allerdings verbietet es mein Anstand, auf diesen Seiten detailliert auf das Geschehene einzugehen. Während Dirk und ich die kulturellen Absonderlichkeiten der Bad Lauterberger Bevölkerung studierten, hatte sich Thommy in sein Zimmer verzogen. Er brauchte wohl eine Mütze voll Schlaf. Es hat wohl eine Weile gedauert, bis sein vollgeheultes Kopfkissen wieder getrocknet war. Er vermisste seine Tina schon sehr. Irgendwann am Abend haben wir ihn dann abgeholt und sind mit ihm ins Kartoffelhaus. Dort gab es herrliche Schnitzel. Und nach dem Absacker in der Pension Roseneck ging es uns dann schon ein wenig besser. Die erste Nacht, die Dirk mit mir im Doppelbett verbringen durfte, verlief für ihn etwas entäuschend. Ich glaube seine Birgit ist ein wenig kuscheliger und vor allem etwas leiser. Jedenfalls wirkte Dirk am nächsten Morgen etwas unausgeschlafen. Sorry Dirk, dafür fahren wir dann auch mal irgendwann gemeinsam mit den Mopeds nach Norwegen.  

Für unseren zweiten Tag in Bad Lauterberg hatten wir uns den Westharz vorgenommen. Und so ging es zunächst über Braunlage zum Torfhaus. Von dort hat man einen schönen Blick zum Brocken. Nun ging es weiter in Richtung Altenau. Dort gibt es den einzigen bekannten Biker-Treff in der Umgebung, das Waldcafe. Das Waldcafe hat uns jetzt nicht wirklich überzeugt. Es gab keine Anfahrtshinweise, nach Befragung einiger Ortsan-sässiger haben wir den etwas abgelegenen Treff dann doch gefunden. Der Biker-Treff liegt gleich gegenüber von einem Polizei-Erholungsheim. Das hat natürlich was. Allerdings befinden sich die wenigen Parkplätze in absoluter Hanglage. Nachdem wir dann recht schnell feststellen konnten, dass der Treff zur Mittagszeit noch geschlossen war, ersparten wir uns einen Blick auf die Speisekarte und einigten uns vorab auf ein "ungenügend" für diesen Anlaufpunkt.

Also fuhren wir gleich weiter in Richtung Osterode. Ich hatte noch Besorgungen zu machen. Beim Packen der Krauser-Koffer bin ich ziemlich penibel. Ersatz-Motorradhose, Thermo-Unterwäsche, das Winterfutter für die Motorradjacke und Kettenspray, alles war dabei. Doch was nutzt einem die frisch gekaufte Zahncreme ohne die passende Zahnbürste. Also hab ich ein gutes Exemplar aus dem Hause Dr. Best erworben. Die alte Bürste in meinem Zahnputzbecher zu Hause kann ich ja dann nach der Tour zur Kettenreinigung benutzen.

Thommy nutzte unseren Aufenthalt in Osterrode noch für einen kurzen Ausritt auf einem Esel, stellte dann aber schnell fest, dass ihn selbst seine etwas in die Jahre gekommene VT 500 doch schneller ans Ziel führt. Auf dem Marktplatz haben wir einen leckeren Capuccino mit Sahne getrunken. Der ist Dirk allerdings ein wenig auf den Magen geschlagen. Jedenfalls verträgt er Bier und Schirker Feuerstein etwas besser.

Bereits auf der Anreise war uns in Uslar ein ziemlich großer Motorradladen aufgefallen. In der Pension berichtete man uns dann, dass der Laden aus einem ziemlich großen Motorradhaus für gebrauchte Bikes und einem guten Bikertreff besteht. Das absolute Highlight wäre aber die Verkaufshalle für Gold-Wing-Motorrräder. Absolut sehenswert und einzigartig für Deutschland. Am Wochenende würden Gold-Wing-Freaks aus Holland und Dänemark anreisen um die Modelle zu bewundern. Also sind wir nochmals auf Richtung Uslar. Und der Abstecher hat sich gelohnt. Es gab sogar schon Angebote zum Schnäppchenpreis von 56.000 Euro. Bei anderen Modellen gabs den Verkaufspreis allerdings nur auf Anfrage. Ich denke mal, es braucht so an die zwei Jahre, bis man die Funktionen alller 1.000 Schalter auswendig gelernt hat.

 

Da wir die 56.000 Euro gerade nicht klein hatten und die großen Scheine noch nicht anbrechen wollten, machten wir uns unverrichteter Dinge wieder auf. Für heute standen noch Goslar und Wernigerode auf dem Programm. Bei der nächsten Rast stellten wir dann aber fest, dass aufgrund der zahlreichen Streckensperrungen und Umleitungen im Westharz unsere Tourenplanung gehörig durcheinander gewirbelt war und wir uns auch so ziemlich am Ende unserer Konditionsskala befanden. So liefen wir nach 280 Tageskilometern am frühen Abend einigermaßen erschöpft in Bad Lauterberg ein. An diesem Abend tröstete uns ein netter Aufenthalt in einer guten Pizzeria und der übliche Absacker in der Pension Roseneck ein wenig über über den Trennungs-schmerz hinweg.

Unseren dritten Tourtag widmeten wir dann dem Ostharz. Wieder ging es zunächst über Braunlage, dann durch einen Ort  namens "Elend" Richtung Wernigerode.  Unterwegs legten wir einen Zwischenstopp ein, da die Brockenbahn gerade in den Bahnhof "Drei Annen" eingelaufen war. Da ich zu Hause nur eine Tochter namens Anne habe, war dieser Multiplikator schon Anlass genug mein Interesse zu wecken.

Und als alter Modellbahner ist man ohnehin an solchen dampfbetriebenen Schmalspur-bahnen besonders interessiert. War schon ein tolles Erlebnis, diese Dampflok in voller Aktion zu erleben.

Auch wenn man ansonsten nur über die angelesenen Erkenntnisse der einschlägigen Motorradzeitschriften fach-simpelt, die Technik dieser alten Dampfloks hat ihren ganz besonderen Reiz. Und da verweilt man dann gerne ein bisschen. 

Ohne näheres über die "Drei Annen" erfahren zu haben setzten wir unsere Fahrt nach Wernigerode fort. Es war ziemlich kurvig bis dorthin und es waren auch eine Menge Gleichgesinnte unterwegs.


Wernigerode ist ein Ort voller Gegensätze. Im Ortskern gibt es Fachwerkromantik pur. Alles ist aufs Feinste herausgeputzt. In Cityrandlage hingegen verfallen ehemals bildschöne Villen, da sich niemand findet, der in diese heruntergekommenen Gebäude investieren möchte. Kein Wunder, wenn man sich in den Schaufenstern der ortsan-sässigen Banken über die Immobilienangebote informiert. Da klaffen Anspruch und Wirklichkeit ziemlich weit auseinander.

Die Innenstadt selbst ist wirklich bewundernswert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so aufwändig gestaltete Häuserfronten gesehen zu haben. Schon zu DDR-Zeiten war Wernigerode ein Aushängeschild. Und so wurde viel zum Erhalt dieser sehenswerten Altstadt beigetragen.

Thommy nutzte den Aufenthalt in Wernigerode um so ungefähr jeden Andenkenladen zu stürmen. Es gab ein Mitbringsel für jedes Mitglied seiner vielköpfigen Familie. Keine Ahnung, wie er die ganzen Geschenke im Top-Case verstaut hat.          

Nach unserem etwa zweistündigen Aufenthalt ging es dann weiter Richtung Thale. Der Ostharz ist wirklich ein schöner Flecken Erde. Die Kurvenkombinationen sind ziemlich anspruchsvoll und wenn die Straßen in einem besseren Zustand wären, könnte der Harz zum Paradies für jeden Biker werden. Um dies zu verhindern, verteilt die zuständige Straßenbaumeisterei aber wohl großflächig Rollsplit auf den Straßendecken. So wird jedes Kurvenfeeling zunichte gemacht und Schräglagen werden zu einem nicht kalkulierbarem Risiko.

In Thale angekommen statteten wir dem berüchtigten Hexentanzplatz einen Besuch ab. Beim Anblick der zahlreichen Hexen wanderten unsere Gedanken natürlich wieder zu unseren lieben Frauen, die sich gerade auf der Insel Norderney austobten.


Der Hexentanzplatz ist wohl die touristische Hochburg des Harzes. Schade, dass Thommy schon sein ganzes Mit-bringselbudget verjubelt hatte. In den zahlreichen Andenkenbuden hätte er noch so manches schöne Teil erwerben können.

Von einem Kletterfelsen aus hat man einen tollen Überblick über die umliegende Landschaft. Ist schon eine irre Topographie. Das Umland ist platt wie eine Flunder. Nur im Bereich des Nationalpark Harz hat der Schöpfer unserer Erde wohl vergessen, Kelle und Reibbrett anzusetzen.       

 

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an unseren Chef-Tourenplaner Thomas. Hier ein paar Bilder von ihm beim Programmieren des Navigationssystems.

    

Dank Thommys hervorragender Scoutarbeit liefen wir dann am Samstag Abend mit 180 Kilometern mehr auf dem Tacho, pünktlich in Bad Lauterberg ein. Das war auch gut so, denn es stand ja noch der geplante Grillabend an. Greg und Jaquie verwöhnten uns mit einigen Köstlichkeiten. Es waren so an die 20 Biker, mit denen wir den Abend im schönen Innenhof der Pension Roseneck verbracht haben. Da wurde jede Menge gefachsimpelt und die Geschichten über Motorrad-touren nach Norwegen, Schottland und zu den unglaublichsten Flecken unserer Erde, hielten uns bis spät in die Nacht wach.

Am Sonntag Morgen mussten wir dann Abschied nehmen. Wir bedankten uns bei Jaquie und Gregory für ihre hervorragende Rundum-Betreuung, starteten die Motoren und genossen auf dem Heimweg nochmals ein paar schöne Kurven im Unterharz. Über Landstraßen ging es zurück in Richtung Warburg. Dort tankten wir die Maschinen nochmal auf, denn jetzt sollte es über die A 44 schnellstmöglich nach Hause gehen. Nach wenigen 100 Metern erwartete uns dann allerdings ein mächtiger Stau. Also nutzten wir die nächste Ausfahrt um über die B 7 das Sauerland zu durchqueren. Über Brilon gings nach Meschede und dort auf die A 46. Am Kreuz Werl wechselten wir dann wieder auf die A 44.

Am frühen Nachmittag trafen wir dann einigermaßen wohlbehalten in Essen ein. Der Hintern schmerzte nach den mehr als 1.000 Kilometern in vier Tagen ein wenig. Aber dafür hatten wir dann auch bald unsere lieben Frauen zurück. Wurde auch Zeit, schließlich war da wieder dieses kleine Hungergefühl. Und wir hatten natürlich jede Menge schmutzige Wäsche von unserer Reise mitgebracht.

Die Tour in den Harz war wirklich gelungen. Eigentlich könnte ich mich jetzt schon wieder auf die Sevenfifty schwingen, um neue Landschaften und Kurven zu erkunden. Wird höchste Zeit, dass wir uns mit der nächsten Tourenplanung beschäftigen.....