Mittelfranken für Einsteiger

Von der Schönheit der Orte an der romantischen Straße und der guten fränkischen Küche hatten wir schon viel gehört. Doch mit unseren Motorrädern hatte es uns immer in alpine Gegenden gezogen. Aber der Wunsch die Region zwischen Nürnberg, Würzberg und Bamberg einmal näher zu erkunden war latent immer vorhanden. Da wir Ende September 2016, kurz vor unserem Wechsel in den Vorruhestand, noch einiges an Resturlaub und Überstunden abzubauen hatten, haben wir uns spontan entschlossen, dem Land der Franken unsere Aufwartung zu machen. Aus dem kalendarischen Herbst wurde in unserer Urlaubswoche ein wundervoller Altweibersommer mit Temperaturen um die 25 Grad. In dieser Hinsicht gab es schonmal nichts zu meckern und das Dach von Angies Cabriolet konnte fast immer geöffnet bleiben.


Samstag 24.09.2016 - Anreise

Ein großer Vorteil war es schonmal, dass es von unserer Heimatstadt Essen bis zu unserem Urlaubsdomizil in Mittelfranken gerade einmal 400 Kilometer sind. Da ist dieAnfahrt mit dem PKW ein Klacks. Ziel unserer Reise war der Gasthof "Zur frohen Einkehr" in Reichardsroth / Ohrenbach. Bei dieser Herberge handelt es sich um einen familiengeführten Gasthof, in dem Küchenchef Norbert Böhm nicht nur für die hervorragende fränkische Küche verantwortlich zeichnet, sondern dem mit dem Motorrad anreisenden Gast auch mit zahlreichen Tipps für Touren in der erweiterten Umgebung weiterhelfen kann. Denn natürlich ist der Herr dieses Tourenfahrer-Partnerhauses selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer.


Reichardsroth ist ein Ortsteil der Gemeinde Ohrenbach im Landkreis Ansbach in Mittelfranken. Das kleine Kirchdorf, in dem heute nur wenige Einwohner leben, ist der nördlichste Ort im Landkreis Ansbach. Hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Und dennoch findet man hier, wie fast überall in Franken, deutliche Spuren einer historisch bedeutenden Vergangenheit.



Reichardsroth wurde der Sage nach um 990 von einem Einsiedler namens Reichard gegründet. Daraus entstand, aus Reichard und Rode, der heutige Ortsname. Im Jahre 1182 ließen Kaiser Friedrich I. und Albert von Hohenlohe ein Spital mit Kirche und Wirtschaftshof erbauen. 1192 gründete, durch deren Schenkung, daraus der Johanniterorden eine Kommende, von denen es in Franken nur sechs gab (Reichardsroth, Rothenburg, Biebelried, Würzburg, Mergentheim und Schwäbisch Hall). Im gleichen Jahr bestätigte Papst Coelestin III. die Schenkung. 1254 wurde die spätromanische Kirche (Vierungsturm mit Chor, Apsis und Langhaus) geweiht. Reichardsroth war im Mittelalter Sitz eines Zent-, Blut- oder Halsgerichts, das letzte Todesurteil wurde um 1400 vollstreckt. Das Galgenholz und die Galgenäcker neben der Ortschaft zeugen noch heute durch ihre Namen aus dieser Zeit.













Das Baustellenschild verfolgte uns im Übrigen während des gesamten Kurzurlaubs. Fast an allen ablichtungswürdigen Objekten verstellten Baufahrzeuge den Blick aufs Wesentliche.





Franken ist für Bierliebhaber ein Garten Eden. Viele kleine, privat geführte Brauereien sorgen für eine enorme Geschmacksviefalt in Krügen und Gläsern. Wir haben das wohlschmeckende fränkische Bier an den Abenden daher ausgiebig getestet.



Über die hervorragende regionale Küche in unserem Gasthof hatte ich ja bereits berichtet. Und so wurden wir an unserem ersten Abend in Reicharsroth mit einem Vier-Gang-Menü verwöhnt, dessen Höhepunkt der Schäufelebraten mit Blaukraut und Knödel darstellte.




Sonntag 25.09.2016 - Rothenburg ob der Tauber und Creglingen

Der zweite Urlaubstag und somit höchste Zeit, unsere Reise auf der romantischen Straße fortzusetzen. Und hierfür hatten wir uns dann auch gleich ein ganz besonders romantisches Ziel ausersehen. Schon weit vor Rothenburg sieht man die Mauern und Türme der Stadt harmonisch aus der Landschaft wachsen.



Mit seiner weitgehend erhaltenen Altstadt ist Rothenburg eine weltbekannte Sehenswürdigkeit mit vielen Baudenkmälern und Kulturgütern. Herausragend an der Altstadt ist, dass sie sehr ursprünglich wirkt, da sie praktisch keine modernistischen Brüche aufweist. Hier in Rothenburg ob der Tauber kann man förmlich ins Mittelalter eintauchen und bei einer guten Tasse Kaffee dem Treiben der Touristen aus aller Welt zuschauen.



Die fränkische Kleinstadt ist von einer begehbaren Stadtbefestigung umgeben und in die weitgehend unverbaute, ursprüngliche Landschaft des Flusstals der Tauber eingebettet. Diese Ursprünglichkeit versucht man seit Jahrzehnten weitestgehend zu erhalten.



Von 1274 bis 1803 war Rothenburg eine Reichsstadt. Nach der Belagerung 1631 während des Dreißigjährigen Kriegs verlor die Stadt stark an Bedeutung. Sie entwickelte sich daher nur noch allmählich weiter, wodurch das alte Stadtbild überwiegend erhalten blieb.



In Rothenburg gibt es jede Menge Touristen, deren Fotoapparate ständig klicken. Kritiker nennen die Stadt daher manchmal ein Mittelalter-Disneyland, weil mancher Bau etwas zu effektvoll restauriert wurde. Und so findet man in Rothenburg ob der Tauber auch zahlreiche Vertretungen der Firmen Steiff und Weihnachtsdekorationen aus dem Hause Käthe Wohlfahrt.  





Wer ist hier dick?



Vor allem Touristen aus Japan und den USA wissen: Auf Europatour führt an Rothenburg kein Weg vorbei. Und die geschäftstüchtigen Rothenburger haben sich perfekt auf diesen Umstand eingestellt.



Rothenburg galt bereits vor dem Zweiten Weltkrieg als bedeutender Zielort des Tourismus in Deutschland. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Bauten originalgetreu wiederaufgebaut.







Weiter führte uns unsere Sonntagstour ins ebenfalls mittelalterliche Creglingen. Und hier ging es zunächst einmal zur Herrgottskirche, die etwa einen Kilometer vor der eigentlichen Stadt liegt. Der Legende nach wurde die Herrgottskirche ab 1348 erbaut, weil ein Bauer an diesem Ort beim Pflügen eine unversehrte Hostie fand.



Berühmtheit erlangte die Herrgottskirche durch den Marienaltar, der durch den begnadeten Künstler Tilman Riemenschneider zwischen 1490 und 1510 gestaltet wurde. In Fachkreisen gilt der Creglinger Marienaltar als das Hauptwerk Tilman Riemenschneiders.





Creglingen ist eine Stadt mit etwa 4.900 Einwohnern im Main-Tauber-Kreis im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Würtembergs. Nur 15 Kilometer von Rothenburg entfernt, geht der Anteil von japanischen und US-amerikanischen Touristen hier gegen Null. Dennoch hat das Städtchen eine Menge attraktive Winkel zu bieten. Man muss nur einmal durch die engen und verwinkelten Gässchen wandern und die Augen dabei offen halten.



Erstmals schriftlich erwähnt wurde Creglingen 1045 in einer Urkunde des Bischofs von Bamberg. Im Jahr 1088 gelangte der Ort an das Kloster Comburg. Während der Zeit der Stammesherzogtümer lag Creglingen im Herzogtum Franken. Im 13. Jahrhundert ging das Dorf in den Besitz des Grafengeschlechts der Hohenlohe über.



Nach dem Aussterben der Linie-Hohenlohe-Brauneck 1390 hatte Creglingen eine wechselhafte Geschichte. Es gehörte zeitweise dem Haus Weinsberg, dem thüringischen Grafen von Schwarzburg und dem Markgrafen von Brandenburg-Ansbach.





Nach so viel Kultur und Romantik waren wir dann doch ein wenig erschöpft und haben uns wieder in die Obhut unserer Herberge im beschaulichen Reichardsroth begeben. Mit einem Reicharsrother Schnitzel, gefüllt mit fränkischer Bratwurst auf Kartoffelsalat, dem guten fränkischen Bier und einem der edlen Obstbrände wurden unsere Lebensgeister erfolgreich wieder angeregt.




Montag 26.09.2016 - Dinkelsbühl und Ansbach

Dinkesbühl, die Stadt an der Wörnitz, ist besonders gut erhalten. In der Segringer Straße säumen schöne Bürgerhäuser den Weg zum gelben Segringer Tor, der Hezelhof ist das Idealbild eines Fachwerkhofs. Die Dinkelsbühler schafften es, ohne Zerstörungen achtmal erobert zu werden.

Heute ist die Stadt im spätmittelalterlichem Stadtbild ein bedeutender Tourismusort an der Romantischen Straße. Wie wir allerdings wohlwollend feststellen konnten, längst nicht so überlaufen wie Rothenburg ob der Tauber.


 
Um 1372 begann man unter Einbeziehung eines Teils der bestehenden Staufermauer mit dem Bau der heutigen Stadtbefestigung. Die Vorwerke samt den äußeren Stadttoren wurden Anfang des 19. Jahrhunderts abgerissen, ebenso größtenteils der Wehrgang. Aber der Mauerring samt Zwingern und Zwingertürmen ist vollständig erhalten. Auf einen Gesamlänge von 2.500 Metern wurden vier innere Stadttore und 20 Mauertürme verteilt.



Dinkelsbühl verzeichnet etwa 11.500 Einwohner und ist seit 1998 Große Kreisstadt und seit 2013 Mitglied im Bayerischen Städtetag.



Erstmals genannt wird Dinkelsbühl im Jahre 1188; Kaiser Friedrich I. Barbarossa übergibt in einem Ehevertrag "burgum tinkelspuhel“ an seinen Sohn Konrad von Rothenburg anlässlich dessen geplanter Verheiratung mit der Königstochter Berengaria von Kastilien. Mächtige Bossenquader der spätstaufischen Stadtmauer sind im Bereich des Wörnitztors und am Dreigangsturm zu finden. Desweiteren wurde vor 1230 das romanische Turmportal vom Münster St. Georg erbaut.



Nach dem Untergang der Stauferdynastie brachte König Rudolf I. von Habsburg Dinkelsbühl 1274 ans Reich zurück. Die nunmehrige Reichsstadt profitierte von ihrer Lage an der bedeutenden mittelalterlichen Handels- und Pilgerstraße zwischen Italien und der Nordsee. Der wirtschaftliche Aufschwung zeigt sich in den Bauten von Kirchen, Karmeliterkloster und Hospital und in den wachsenden Vorstädten. Mehrmals vom deutschen König und Stadtherrn verpfändet, konnte das regierende Patriziat die Reichsstadt aus eigener Kraft auslösen und dadurch zusätzliche Freiheiten und Rechte als Privilegien erringen. Der Aufstieg zum souveränen Stadtstaat war zwei Jahrhunderte später abgeschlossen.







Infolge des Handwerkeraufstands gegen die Patrizier 1387 wurden sechs Zünfte gebildet, die nun aufgrund des erzwungenen „Richtungsbriefs“, der neuen Stadtverfassung, mitregierten. Dinkelsbühl wurde zur reichsstädtischen Republik. Der Stadtstaat besaß ein kleines Territorium, begrenzt von einer Weiherkette und dem Landgraben. Hinzu kamen ein umfangreicher Streubesitz im Umkreis von etwa 15 Kilometern sowie die Herrschaft Wilburgstetten mit Greiselbach und im Dreibund mit den Reichsstädten Rothenburg und (Schwäbisch) Hall die Orte Honhardt, Kirchberg und Ilshofen. Die Einnahmen aus den Gütern und das Handwerk brachten bürgerlichen Wohlstand. Bedeutend war die Tuchherstellung und das Schmiedegewerbe: die Sicheln und Sensen wurden auf den Messen in Nürnberg, Nördlingen und Frankfurt verkauft. Die Wirtschaftskraft spiegelt sich im Bau des Münster St. Georg (1448 – 1499) wider, eine der schönsten gotischen Hallenkirchen Süddeutschlands.



















Auch das Haus der Geschichte Dinkelsbühls haben wir besucht. Es befindet sich im Alten Rathaus, einem reizvollen Gebäudekomplex aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Das Museum widmet sich der Spurensuche nach der über 800-jährigen Geschichte der Reichsstadt.







Unser zweites Ziel am heutigen Tag war die etwa 41.000 Einwohner zählende Stadt Ansbach. Im Marco Polo-Reiseführer kann man nachlesen, dass Ansbach auch Hauptstadt des fränkischen Rokoko genannt wird. Davon war zunächst nicht viel zu sehen,  denn gleich zu Beginn unserer Stadterkundung erwartete uns direkt vor dem Herrieder Tor die nächste Großbaustelle. Aber das sollte in diesem Kurzurlaub dann ja auch zur Gewohnheit werden.



Ansbach ist eine kreisfreie Stadt in Bayern. Sie ist Sitz der Regierung und der Bezirksverwaltung von Mittelfranken sowie des Landratsamtes Ansbach.





Mit Rothenburg oder Dinkelsbühl ist Ansbach nicht zu vergleichen. Hier muss man schon etwas genauer nach romantischen Ecken und Winkeln suchen. Dabei ist die Stadt ehemalige Residenz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach und kann auf eine über 1250-jährige, bewegte und wechselvolle Geschichte zurückblicken.















Und wieder neigte sich ein Tag mit vielen schönen Eindrücken seinem Ende entgegen. Gut, dass es am Abend in unserer Unterkunft wieder stärkende Speisen und Getränke zu verkosten gab.

 
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