Seite 2 des Tourberichts "Südengland 2012"

Nach 284 Kilometern kamen wir guter Dinge in Bornemouth an. Unser Hotel, das Bay View Court Hotel, versprühte den Charme der 60er Jahre. Und zu dieser Zeit war das Haus sicher auch eine gute Adresse. Die Lage des Hotels in umittelbarer  Nähe zum Strand war aber klasse und es gab gute Abstellmöglichkeiten für unsere Motorräder. Ein leckeres Frühstück gab es im Nachbarhaus. Dort wurden wir von einer Servicekraft im perfekten Deutsch angesprochen. Die Dame wohnt den Winter über in Berlin, wo sie dann im KDW arbeitet. Die Sommermonate verbringt sie dann an der englischen Küste.

Bournemouth ist mit seinen 10 Kilometern Sandstrand einer der meistbesuchten Badeorte der Südküste. Die Stadt hat das Bild von England in anderen Ländern mitgeprägt: Hunderttausende Sprachschüler erwarben hier ihre Englischkenntnisse.

An diesem Wochenende fand am Strand von Bournemouth ein Musikfestival statt. Hunderte von Zuschauern trotzten Wind und Wetter und feierten fröhlich aber absolut friedlich zu den Klängen der Livebands.


Montag 04.06.2012 Neben dem Linksverkehr pflegt der Engländer eine weitere Besonderheit in der Verkehrsführung. Es scheint mir fast, dass der Zirkel das wichtigste Planungsinstrument in den Bauämtern der Verkehrsbehörden ist. Der Kreisverkehr, auf Englisch "Roundabout" begegnet einem mitunter im Minutentakt. Die Vorfahrt ist ganz einfach geregelt: Wer von rechts kommt ist vorfahrtberechtigt. Und natürlich fährt man nach links in den Kreisverkehr ein. Macht ja auch Sinn. Uns sind auf unseren Touren durch Südengland allerdings auch mehrere hintereinander gebaute Kreisverkehre untergekommen. Da wird es einem von den ganzen Kurven schonmal schwindelig vor Augen. Und es gibt auch Exemplare mit mehreren Fahrspuren. Vorausschauendes Einfädeln in die richtige Fahrspur ist hier von Vorteil. Wohl dem, der ein Navi hat. So kann man vorab gut einschätzen, an der wievielten Ausfahrt man wieder raus muss. Das erleichtert die Spurwahl ungemein. Doch mit etwas Übung und Mut zur Lücke klappt es auch mit dem Roundabout. Wir haben auf der Insel jedenfalls nicht eine brenzlige Situation im Kreisverkehr erlebt.

Unser vierter Tourtag begrüßte uns mit trübem, aber zumeist trockenem Wetter. Helmar zog seine Regenjacke aus rein prophilaktischen Gründen an, ein Thema auf welches ich in dieser Tourstory an der ein oder anderen Stelle zurückkommen werde. Von Bournemouth ging es einmal mehr an der Küste entlang bis nach Weymouth.

Feiner Sandstrand und ein lebhaftes Hafenviertel zeichnen den Badeort Weymouth aus. Im Weymouth Sea Life Park kann man dort Robben, Haie und Seepferde bewundern.

Bis Sidmouth ging es weiter am Englischen Kanal entlang, doch dann folgten wir dem Exeter Road ins Landesinnere. Gleich hinter der Domstadt am River Exe wartete dann das nächste Highlight auf uns: Der Dartmoor Nationalpark.

Um das nebelverhangene, niederschlagreiche Dartmoor ranken sich viele Legenden. Nicht mehr als ein Zehntel dieser mit knapp 1000 Quadratkilometern größten südenglischen Wildnis ist bewaldet. Gut die Hälfte der Fläche besteht aus offenem Moorgebiet, das nur als Weideland für abgehärtete Tiere zu nutzen ist.

Besonders unheimlich wirkt der Norden des Moors, wo die hoch aufragenden Granitfelsen, "Tors" genannt, durch die feuchten Südwestwinde zu seltsamen Formen verwitterten.

Gleich zu Beginn unserer Fahrt durch das Dartmoor legte sich ein unheimlicher Zauber wie Nebel auf uns. Denn Helmar war der festen Meinung, dass man für die Durchfahrt durch das Hochmoor Eintritt entrichten muss. Und bei der Suche nach dem Kassenhaus führte er uns über kleine unübersichtliche Pfade, die im Nirgendwo zu enden schienen. Fast war es mir, als wenn die riesigen schwarzen Höllenhunde, die nachts über das Moor jagen, hinter uns her wären um uns immer tiefer in die Sümpfe zu hetzen. Gut, dass es an einigen der kleinen verschlungenen Pfade ins Nirgendwo deutliche Hinweisschilder gab, die dann schließlich auch Helmar überzeugten, nicht weiter vom rechten Pfad abzuweichen.

Das raue Klima und die karge, menschenleere Landschaft bilden eine geeignete Kulisse für das berüchtigste Gefängnis des Landes, das 1809 von Kriegsgefangenen gebaut wurde, und für den bekanntesten Krimi von Sir Arthur Conan Doyle, "Der Hund von Baskerville".

Doch derlei gruselige Geschichten gehören dem Reich der Sage an. Die gefährlichen Sümpfe der Sherlock-Holmes-Geschichte existieren aber sehr wohl. Das sollte Wanderlustige nicht abschrecken, die den Weg zu den beliebtesten Moor-Bewohnern, den stämmigen Dartmoor-Ponys, suchen. Vor 50 Jahren zählte man 30.000 dieser zähen Tiere, die früher als Nutztiere in den Bergwerken sehr gefragt waren - heute sind es nur noch etwa 2.000.

Einmal im Jahr, Ende September werden die ganzjährig im freien lebenden Tiere zusammengetrieben. Junge Hengte und ältere Tiere, die den Winter nicht mehr gut überstehen, werden verkauft.

Eine lieblichere Seite des Moores offenbart sich in den Orten Buckland-in-the Moor mit reetgedeckten Häusern, Ashburton und Widecombe-in-the-Moor, wo der Kirchturm alljährlich im September auf den berühmten Jahrmarkt hinabschaut.

Nach 221 beindruckenden Kilometern haben wir dann am späten Nachmittag das Ziel unserer Reise, die ruhmreiche Hafenstadt Plymouth, erreicht. Und im St. Rita´s Privat Hotel gab es sogar eine überdachte Unterstellmöglichkeit für unsere Mopeds. Ein Umstand, der sich als glückliche Fügung herausstellen sollte, denn am späteren Abend setzte Regen ein, der ersteinmal auch nicht mehr enden sollte.

In dem bequemen Bett in unserer Dachkammer konnte man gut nächtigen. Allerdings wurde unsere Tiefschlafphase um 4:00 Uhr morgens ziemlich jäh unterbrochen. Denn um diese Zeit löste ein im Zimmer rauchender Hotelgast den Feueralarm aus.

Dienstag 05.06.2012 Über das sprichwörtliche britische Wetter gibt es viele - meist ziemlich negative - Berichte zu hören oder zu lesen: Wenig Sonne, Nebelschwaden, nicht enden wollende Regenschauer. Wir haben bei unserer Tour durch Südengland eigene Erfahrungen mit dem Klima auf der Insel machen dürfen. Und? "Es ist alles noch schlimmer als in den einschlägigen Erzählungen!"

Nun, um ehrlich zu sein, wir hatten auch sonnige und wirklich schöne Tage auf unserer Reise. Der heutige gehörte allerdings nicht zu diesen.

Von Plymouth in Devon bis Penzance in Cornwall regnete es ohne Unterlass. Auf der Strecke über 158 Kilometer haben wir eigentlich nur einmal angehalten um die Regenbekleidung zu vervollständigen. So erreichten wir unser Tagesziel schon gegen Mittag. Unser Zimmer in der Guest Lodge des Hotels war schon bezugsfertig, was uns nach der soeben bewältigten Dauerregenetappe sehr entgegen kam.

Handschuhe, Motorradstiefel und Beinkleid, der vom Hotel zur Verfügung gestellte Fön musste an diesem frühen Nachmittag Überstunden machen. Und Helmar, der sogar nasse Socken zu beklagen hatte, beschloss in dieser Stunde, den Rest der Tour - unabhängig von der aktuellen Wetterlage - in der Regenkomplettausstattung zu bewältigen. Ich glaube, er hat die Regenkombi von nun an selbst nachts oder auch unter der Dusche anbehalten.

Nun waren wir also in Cornwall angekommen. Hier in Penzance hatten wir gleich zwei Übernachtungen gebucht, da es in dieser einmaligen Landschaft so viel Sehenswertes zu entdecken gibt. Die Landschaft aus Granithügeln und Felsküste zwischen dem River Tamer und Land´s End im äußersten Westen ist das sagenhafte keltische Reich von König Artus. Die Fischerei beschäftigt nicht mehr viele Cornishmen, aber kleine Häfen in verschwiegenen Buchten mit Sandstränden blieben. Wind und Wellen ziehen Surfer an die wilde Atlantikküste; wer lieber Kultur als Abenteuer sucht, findet Städte wie St. Ives mit ihrer Kunst- und Gourmetszene.

Die Schriftstellerin Daphne du Maurier lebte in Cornwall und kannte die Menschen dort: "Im Wesen der Bewohner Cornwalls schwelt unter der Oberfläche, immer bereit, sich neu zu entzünden, eine wilde Unabhängigkeit, ein zäher Stolz." Für Engländer, die östlich des River Tamar wohnen, markiert dieser Fluss die Grenze zwischen den beiden Grafschaften Devon und Cornwall. Nach cornischer Tradition aber handelt es sich um die Grenze zwischen England und einem keltischen Reich mit einer eigenen Geschichte.

Obwohl seit über 200 Jahren niemand mehr das mit Walisisch und Bretonisch verwandte Cornische als Muttersprache spricht, verraten die Orts- und Familiennamen der Region ihren keltischen Ursprung.

In einem urigen und gemütlichen Cafe haben wir uns einen köstlichen Cappucino gegönnt. Eigentlich eine Todsünde denn unsere Bestellung hätte eigentlich "Cream tea, please!" lauten müssen. Teekanne, zwei Scones, ein Schälchen Erdbeermarmelade und ein weiteres Schälchen mit Clotted Cream werden dann zusammen mit Geschirr, Teetasse und einer Blumenvase auf dem Tisch arrangiert.

Der äußerste Südwesten war immer ärmer als die anderen Landesteile, die Menschen durch ihre gefährliche Arbeit in den Zinngruben und der Fischerei ein abgehärtetes Volk, das englische Könige oft erst mit Waffengewalt zähmen konnten.

Penzance, als größte Stadt West-Cornwalls, ist ein alter Exporthafen und Zentrum des Tourismus. Dem Marktflecken Marazion, 8 Kilometer östlich von Penzance, ist eine Granitinsel mit der Burg St. Michael´s Mount vorgelagert. Man erreicht sie bei Ebbe zu Fuß, sonst mit der Fähre.

In einem urgemütlichen Pub haben wir uns an diesem Abend noch mit einigen "Pint of locale Ale" belohnt. Und ich hab mir dazu eine Portion "Calamarie Rings" schmecken lassen.

Mittwoch 06.06.2012 Unser zweiter Tag in Cornwall stand an. Und heute zeigte sich das Land tatsächlich mal von seiner schönsten Seite. Sonnenschein, angenehme Temperaturen und für cornische Verhältnisse nahezu Windstille. Beste Voraussetzungen also, diesen schönen Flecken Erde genauer zu erkunden.

Unser erstes Ziel "Lands End" war von Penzance aus schnell erreicht. Weiter als bis Lands End geht es nicht, denn dieser Küstenabschnitt, den eine gefährliche Schönheit kennzeichnet, ist der südwestlichste Punkt Englands.

Hier gibt es eine gewaltige Brandung, hohe Klippen und Strömungen, die Seefahrern und Sportlern immer wieder zum Verhängnis werden.

Der Meeresboden um Cornwall ist mit den Wracks von Hunderten von Segel- und Dampfschiffen übersät, die bei Sturm in Not gerieten. Die schlimmste Katastrophe geschah 1707 vor den Scilly-Inseln, als der Admiral einer englischen Flotte im Herbstnebel seine Position falsch einschätzte und seine Kriegsschiffe auf die Riffe führte. 2.000 Matrosen ertranken.

So ist die Küste um Lands End das Ziel von Wracktauchern. Dem National Maritime Museum in Falmouth ist eine spannende Darstellung der bewegten Geschichte der Seefahrt gelungen.

Nächste Station unserer kleinen Erkundungsreise war ein ganz besonders schöner Flecken Erde. Eine junge Dame namens Rowena Cade bot 1929 ihren Garten an den Klippen bei Porthcurno als Spielstätte für Amateurproduktionen an.

Vom Erfolg beflügelt, baute sie ins Gestein ein an altgriechische Vorbilder erinnerndes Freilufttheater. Heute fasst das Minack Theatre 750 Zuschauer.

Besonders hat mich der zum Minack Theatre gehörende Garten beeindruckt. Er wurde am Hang angelegt und ist über mit Granit gepflasterte Wege bequem zu erkunden. Hier gibt es eine riesige Auswahl seltener Pflanzen zu bestaunen.

Weiter ging es nach Mousehole, einem kleinen Hafenort gleich in der Nähe von Penzance.

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