Oktober 2011, eine für mich ziemlich durchwachsene Motorradsaison neigte sich ihrem Ende entgegen. Durch gesundheitliche Nackenschläge gebeutelt fiel meine Motorradbilanz in diesem Jahr ziemlich mager aus. Macht aber wenig Sinn, den Kopf nach der Vogel-Strauss-Methode im Sand zu vergraben oder in Depressionen zu verfallen. Irgendwann werden die Tage wieder heller und die neue Motorradsaison bietet eine neue Chance auf tolle Erlebnisse im Sattel der Varadero.

Und genau zu diesem Zeitpunkt erschien die Novemberausgabe des Tourenfahrermagazins, mit einem tollen Reisebericht von Uwe Krauß mit dem Titel "Englands schönste Seiten". Ein Bericht, der mich gleich beim ersten Lesen gefesselt hat. Warum nicht einmal mit dem Motorrad durch England reisen? Ein Gedanke, der mir in den folgenden Wochen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Und in meinem Freund Helmar hatte ich dann schnell einen Gleichgesinnten gefunden, den ich ohne große Überredungskunst für meinem Tourenvorschlag begeistern konnte.

Für die Planung unserer Motorradtour haben wir uns viel Zeit genommen. Helmar hat die Übernachtungsmöglichkeiten gleich von zu Hause aus gebucht. So konnte es also endlich losgehen. Vom 01. bis zum 10.06.2012 waren wir dann, pünktlich zum 60. Trohnjubiläum  von Königin Elisabeth, im vereinigten Königreich unterwegs. Über diese interessante Motorradtour werde ich an dieser Stelle berichten. Ich wünsche Dir viel Vergnügen beim Lesen dieses Reiseberichtes.



Freitag 01.06.2012 Um für unsere Anreise keinen Urlaubstag opfern zu müssen, habe ich an diesem Freitag mein Überstun-denkonto abgebaut. Von 7:00 bis 10:00 Uhr habe ich noch gearbeitet. Dann hat Helmar mich von der Arbeit abgeholt. In der Essener Innenstadt ging es dann gleich auf die Auffahrt zur A 40. Und die Autobahn haben wir bei unserer Fahrt durch die Niederlande und Belgien erst in Calais / Frankreich wieder verlassen. Mit regelmäßigen Pausen waren die 408 Kilometer bis zu unserem Hotel in der französischen Hafenstadt ganz gut zu bewältigen.



Um die Kosten unserer Tour halbwegs im Griff zu halten haben wir bei der Buchung der Übernachtungsmöglichkeiten schon auf den Preis geachtet. Isomatte und Zelt schieden wegen der ausgeleierten Bandscheiben aus, für die Jugendherberge passt unsere Altersstruktur nicht mehr so ganz. Bliebe noch die Kurzzeitpflege im Seniorenwohnheim. Doch wo sollten wir dort die Motorräder abstellen? Ganz so schlimm wie das nachfolgende Foto vermuten lässt, war unsere Übernachtung in Calais dann aber doch nicht.



Das Zimmer im Hotel Balladins war allerdings leicht gewöhnungsbedürftig. Nach der längeren Anreise und einigen Bierchen in der gemütlichen Bar des benachbarten IBIS-Hotels, reichte es allerdings für eine Mütze voll Schlaf. Und dafür hatten wir das Zimmer ja letztendlich gebucht.



À propos Hotelbar; mit Helmar und mir waren ja gleich zwei Sprachgenies unterwegs. Und so kam es dann gleich an unserem ersten Tourabend zu folgendem kleinen Dialog:

Nach erfolgreicher Getränkebestellung wurde uns das georderte Bier an unserem Tisch serviert. Helmar bedankte sich artig im akzentfreiem Schulenglisch mit "thank you". In Anbetracht dessen, dass wir uns ja noch auf französischem Festland befanden schloss ich mich mit einem gekonntem "Mercie" an. Darauf Helmar: "Was hast Du jetzt gesagt?"  "Ich wollte noch Schokolade bestellen", antwortete ich, "aber Ritter Sport kennen die hier nicht."

Calais verzeichnet als Hafenstadt und Ausgangspunkt zu Kanalüberquerungen jährlich 30 Millionen Durchreisende. In den letzten Jahrzehnten sind viele Arbeitsplätze in den Bereichen Fischerei, Textilindustrie und Schifffahrt verloren gegangen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 % mit allen daraus resultierenden Nebenwirkungen. Wir sind am späten Nachmittag ein wenig durch die Stadt geschlendert. Entweder haben wir uns dabei konsequent in der falschen Gegend bewegt oder Calais ist in der Tat wenig attraktiv. Jedenfalls haben wir wenig Anschauliches bei unserem Spaziergang entdecken können, vom nachfolgend abgelichteten Federvieh einmal abgesehen.





Samstag 02.06.2012 36 Kilometer Ärmelkanal trennen das französische Festland von der britischen Insel. Und an diesem Morgen war das Wetter in der französischen Stadt mit dem zweitgrößten Passagierhafens Europas dann auch gleich "very british".  Die Abfahrt der unter der Flagge von P&O Ferries fahrenden Fähre war für 7:45 Uhr geplant. Zum Einchecken soll man eine Stunde eher am Fähranleger eintreffen. Aufstehen war also vor dem ersten Hahnenschrei angezeigt. Unser Frühstück haben wir daher nach dem Vertäuen der Motorräder auf der Fähre eingenommen.



Die Fahrt über den Ärmelkanal dauert etwa 1 1/2 Stunden. Großbritannien nimmt allerdings nicht an der mitteleuropäischen Sommerzeit-Regelung teil, sodass man während der Überfahrt die Armbanduhr um eine Stunde zurückstellen darf. So schenkt einem das vereinigte Königreich zur Ankunft eine ganze Stunde Zeit fürs erste Sightseeing. Wenn dann die Kreidefelsen von Dover im Blickfeld auftauchen, wird es schon fast Zeit die Motorräder fahrbereit zu machen.



Runter von der Fähre und hinein in den Linksverkehr. Wenn man sich rechtzeitig darauf eingestellt hat und konzentriert, ist es eigentlich kein großes Problem. Irgendwann habe ich später auf einem längeren Streckenabschnitt für mich philosophiert und folgenden Leitsatz geprägt: "Das Gute am Linksverkehr ist es, dass der Gegenverkehr auf der anderen Straßenseite fährt". Hat man dies erst einmal verinnerlicht fährt es sich auch auf der linken Seite ganz entspannt. Problematisch wird es nur abends nach einigen Bierchen in einem gemütlichen Pub, wenn man als Fußgänger mal eben eine Straße überqueren möchte.



Gleich nach unserer Ankunft ging es oberhalb der "White Cliffs of Dover" über den Upper Road in Richtung St. Margaretes at Cliffe. Der von hohen Hecken gesäumte Single-Trail-Road mit nur einer PKW-breiten Fahrspur hinterliess bei uns schonmal einen guten Eindruck, was da in den nächsten Tagen so straßentechnisch auf uns zukommen würde.



Unseren ersten Stopp haben wir dann in Deal, einem der typischen Küstenbadeorte mit dem nicht minder typischen Pier eingelegt.



Wir befinden uns hier in der Grafschaft Kent. Unter den historischen Städten steht Canterbury mit der ranghöchsten Domkirche des Landes an erster Stelle. Die Stadt hat sich mit Burgruine, Stadtmauer, alten Pubs am River Stour und Bauten aus vielen Jahrhunderten ihren historischen Charakter bewahrt.



Das gut erhaltene historische Stadtzentrum und gute Einkaufsmöglichkeiten ziehen Tausende Besucher an. Unter dem Namen Duovernum bereits zu Römerzeiten eine bedeutende Siedlung, ist Canterbury seit 1300 Jahren Sitz des Primats der anglikanischen Kirche.



Die Kathedrale mit mächtigen Bündelpfeilern wurde im gotischen Stil vom 11. bis ins 15. Jahrhundert errichtet.



Manches ist auch im sonst so korrektem britischen Königreich ein wenig schräg, wie diese etwas in Schieflage geratene Buchhandlung in Canterbury eindrucksvoll beweist.





2012 jährt sich die Thronbesteigung von Queen Elizabeth II zum sechzigsten Mal. Damit ist sie nach Königin Victoria das am zweitlängsten regierende Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Während unseres Englandaufenthaltes konnten wir Paraden und Feierlichkeiten anlässlich des Thronjubiläums beobachten. Das ganze Land hatte sich herausgeputzt und in jedem Winkel gab es britische Fahnen und Wimpel zu sehen.





Nächster Halt Rye. In der alten Hafenstadt bezaubern Tea-Shops und Antiquitätenläden. Hier hat man sich auf den Tourismus eingestellt.



Gut, dass es heutzutage Digitalkameras gibt. Bei den zahlreichen Fotomotiven würde das Knipsen von Papierbildern hier richtig teuer.



Dieses schöne historische Fahrzeug parkte vor einem Standesamt und gehörte zu dem Paar, welches sich dort gerade im historischen Ambiente das "Ja-Wort" gegeben hat. Dann also ach von dieser Stelle: "Alles Gute". Wenn dann bald der Nachwuchs unterwegs ist, wird es wohl Zeit für ein größeres Auto.





In einem Turm der Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert ist das Rye Castle Museum untergebracht, in dem es viel Spannendes zur Stadtgeschichte zu entdecken gibt.











Auf dieser schön gelegenen Bank an der Kirchenmauer von Rye hat Helmar eine längere Pause eingelegt. Er benötigte einfach mal etwas Zeit um die Seele baumeln zu lassen und das bisher Gesehene zu verarbeiten.



Am Ziel unserer Tagesetappe angekommen, mussten wir feststellen, dass unser Hotel an der Uferpromenade keine Parkplätze zur Verfügung stellen konnte. Und da gerade eine Parade zum 60. Thronjubiläum stattfand, waren auch die Seitenstraßen der näheren Umgebung komplett zugeparkt. Nach einigem hin- und her rangieren hab ich dann doch noch ein Plätzchen an einer Straßenbaustelle gefunden. Und zur Absicherung meiner Varadero hab ich auch gleich eine der bereitstehenden Pylonen genutzt.



Unser privat geführtes Hotel mit Familienanschluss hatte dafür ein gemütliches kleines Zimmer unter der Dachschräge zu bieten. Hier haben wir uns pudelwohl gefühlt und das Frühstück am nächsten Morgen war wirklich klasse.



Auch das blumengeschmückte Eastbourne gehört zu den bedeutenden britischen Seebädern. An diesem Abend war allerdings eher Duschen statt Baden angesagt, denn der Himmel öffnete extra für uns alle Schleusen. Doch zumindest unsere ersten 170 Kilometer auf der Insel konnten wir bei überwiegend trockenem Wetter absolvieren.



Mit einer fast 5 Kilometer langen Strandpromenade, dem viktorianischem Pier und den zahlreichen Hotels zieht die Stadt viele Badegäste an. The Seven Sisters und Beachy Head bilden eine herrliche Klippenlandschaft. Unmittelbar von der Stadtmitte aus kann man herrliche Wanderungen durch dieses Gebiet unternehmen.



Sonntag 03.06.2012 Nach einem wirklich guten "Full English Breakfast" haben wir uns auf den Weg zu unserer nächsten Tagesetappe gemacht. Von Eastbourne ging es an der Küste entlang durch Brighton und dann nach Chichester. Die verschlafene Marktstadt Chichester mit gerade einmal 28.000 Einwohnern ist römischen Ursprungs und besitzt die einzige Kathedrale von Sussex.





Beim Stadtrundgang sollte man sich die mittelalterliche Stadtmauer, das verzierte Marktkreuz und in der North Street den Buttermarket von 1807 ansehen. In der im romantischen bis spätgotischem Stil gebauten Chichester Cathedral sind Details wie die Glasfenster von Marc Chagall sehenswert.



Unser nächstes Zwischenziel war Winchester, eine der geschichtsträchtigsten Städte des Landes. William I. erbaute hier nach der Schlacht von Hastings einen Palast und eine Burg, von der nur die Great Hall erhalten blieb. An einer Wand dieses Saals ist ein riesiger runder Tisch befestigt, der Sage nach der legendäre Round Table König Artus.



Helmar hat uns dann gleich einmal einen Parkplatz auf dem Gelände der ältesten Privatschule Englands, dem Winchester College, gesucht. In England parkt der ambitonierte RT-Fahrer eben mit Stil.

Im Mittelpunkt des Geschehens rund um Winchester stand schon immer die Kathedrale, eine der imposantesten des Landes. Verschiedene Könige fanden hier ihre letzte Ruhestätte.



Mit 164 Metern ist Winchester Cathedral der längste mittelalterliche Sakralbau Großbritaniens. Baubeginn war in normannischer Zeit, früh- und spätgotische Stilelemente kamen hinzu.



In Salisbury haben wir nur einen kurzen Halt einlegen können. Die historische Domstadt liegt in Dorset. In nur 40 Jahren, bis ins Jahr 1258, errichtete man hier eine gotische Kathedrale von atemberaubender Schönheit, die eine Generation später mit einem schlanken Spitzturm vollendet wurde.



Der geschlossene Dombezirk Cathedral Close ist mit Wohnhäusern aus dem 13. bis 18. Jahrhundert ebenfalls eine Augenweide. In den umliegenden Straßen zeugen Fachwerkhäuser vom Wohlstand der Bürger, die den günstigen Standort am River Avon nutzten, um den Handel der Konkurrenten in Wilton an sich zu ziehen.



Der weltberühmte Steinkreis von Stonehenge liegt im Salisbury Plain, nordöstlich von Dorset. Stonehenge wird als Tempel, Kalender oder Sternwarte bezeichnet. Über einen Zusammenhang mit dem Mond wird seit Jahr und Tag diskutiert.



Archäologen datieren den Anfang von Stonehenge auf 2900 vor Christus. Funde von Tierknochen zeigen, dass Stonehenge für rituelle Handlungen benutzt wurde. Aus einer späteren Phase sind Feuerbestattungen nachgewiesen, und in einer dritten Epoche bis 1800 vor Christus wurden die Megalithen aufgestellt. Die ältesten Steine, die "Bluestones", kamen aus dem westlichen Wales, also aus hunderten Kilometern Entfernung.



Die größten, bis zu 50 Tonnen schweren Steine mussten "nur" 30 Kilometer geschleppt werden. Um 1600 vor Christus wurde das Gelände verlassen. Um diese Eckdaten herum bleibt viel Unbekanntes.



Rund um die Sommersonnenwende treffen sich noch heute Druiden an den denkmalgeschützten Steinen, um den Steinkreis "zu seinem ursprünglichen Zweck" zu benutzen.

Fortsetzung Südengland 2012 - Seite 2